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Home Sonderthemen Wirtschaft & Finanzen Paexo bietet großes Potenzial
16:45 08.02.2019
Exoskelett Paexo im Einsatz. FOTO: OTTOBOCK

„Dass das nicht schon längst jemand erfunden hat.“ Mit diesen Worten bringt im November 2018 eine Besucherin der Paexo-Olympiade im Duderstädter Max-Näder-Haus ihre Begeisterung auf den Punkt. Dort hatten Ottobock-Auszubildende und Gäste die Gelegenheit, das Exoskelett mit Namen Paexo zu testen. 

Ottobock Industrials hat Paexo für den Einsatz in der Industrie entwickelt, um zum Beispiel in der Automobilindustrie Produktionsmitarbeiter bei anstrengenden Arbeiten über Kopf zu unterstützen. Anfang Oktober 2018 ging das Produkt in Serie. Beim Praxistest in Duderstadt hatten Ottobock-Auszubildende noch weitere, durchaus kreative Einsatzideen vorgeschlagen – von der Tanz-Hebefigur bis zum Tapezieren.

Im mehrmonatigen Praxistest im VW-Werk in Bratislava habe sich das Exoskelett bewährt, berichtete Dr. Sönke Rössing, Leiter von Ottobock Industrials. Inzwischen interessierten sich nicht nur Unternehmen aus der Automobil- und Zuliefererbranche für das Paexo, sondern auch die Luftfahrtindustrie wolle das neuartige Hilfsmittel testen. „Es dauert etwa einen halben Tag, um einen Kabelbaum unter einer Tragfläche zu verlegen“, sagte er.

Und die möglichen Einsatzbereiche reichen noch viel weiter. Ottobock stellte das Paexo im Handwerk vor, sagte Rössing, denn auch da werde viel über Kopf gearbeitet. So könne das Exoskelett aus dem Hause Ottobock Industrials das geeignete Hilfsmittel für ein ergonomisches Arbeiten von Elektrotechnikern, Malern, im Trockenbau und im Heizungs- und Sanitärbereich sein. Sogar bei einem Süßwarenhersteller sei das Paexo bereits getestet worden, und auch in der Film- Branche sei es von Tontechnikern erprobt worden, berichtete Rössing.

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Paexo Nummer 1 für den Ministerpräsidenten

Einer der ersten, dem das Paexo vorgestellt wurde, ist der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Der besuchte 2018 im Rahmen seiner Sommerreise das Medizintechnik-Unternehmen in Duderstadt. Rössing überreichte dem Politiker aus diesem Anlass das Exoskelett mit der Fertigungsnummer 1, das dieser sogleich anlegte und begeistert feststellte: „Toll.“

Das neue Produkt made in Duderstadt sollten im November dann die Auszubildenden von Ottobock im Max-Näder-Haus in Duderstadt bei einer Paexo-Olympiade kennenlernen und im Einsatz auf einem Parcours testen. Auch einige Gäste waren dazu eingeladen, darunter die Leiter der Berufsbildenden Schulen in Duderstadt, Susanne Freese, und Osterode, Carsten Wehmeyer, sowie Vertreter der Stadt Duderstadt, unter ihnen Bauhofleiter Frank Widera.

Vorbereitet hatten die Veranstaltung Jakob Menzel und Patrick Hellmold, die bei Ottobock in Duderstadt den dualen Studiengang Business Administration absolvieren. Beweglichkeit, Einsatz, Unterstützung und Qualität – hier sollten die Auszubildenden die Vorzüge des Paexo kennenlernen. Gefragt waren aber auch ihre Ideen, in welchen Berufen und Anwendungen das Produkt aus ihrem Ausbildungsbetrieb zum Einsatz kommen könnte. „Für die Hebefiguren wie beim Tanzfilm Dirty Dancing“, war am Ende einer der kreativsten Vorschläge. Und auch die Gäste steuerten spontane Einsatzmöglichkeiten bei wie „zum Äpfelpflücken“ oder „beim Renovieren“.

Paexo-Olympiade im Max-Näder-Haus, Experimente mit dem Exoskelett, rechts Dr. Sönke Rössing, Leiter von Ottobock Industrials. FOTO: CH
Paexo-Olympiade im Max-Näder-Haus, Experimente mit dem Exoskelett, rechts Dr. Sönke Rössing, Leiter von Ottobock Industrials. FOTO: CH

Paexo biete 50 Prozent Entlastung bei Überkopfarbeiten, das Exoskelett sei leichter als zwei Kilogramm und lasse sich in weniger als 20 Sekunden wie ein Rucksack anlegen, sagte Rössing. Je nach Statur werde es individuell angepasst. Wie schnell das geht, davon überzeugten sich die jungen Leute und die Gäste nach der kurzen Präsentation selbst. Die Auszubildenden durchliefen die vier Stationen des Paexo-Olympiade-Parcours, zu dem das Stemmen von mit Sand gefüllten Bierhumpen und der eigens in der Ottobock-Elektrowerkstatt angefertigte heiße Draht zählten. „Ich will es jetzt schon nicht mehr ausziehen“, kommentierte Christoph Haake, Auszubildender zum Orthopädietechnikmechaniker, noch bevor er den kleinen Hindernislauf absolviert hatte.

Die Gäste, darunter die BBS-Leiter, testeten das Hilfsmittel beim Einschrauben von Glühbirnen in ein Gewinde. „Das macht wirklich was aus“, sagte Freese. Und zur Bewegungsfreiheit mit dem Paexo ergänzte sie: „Man ist überhaupt nicht eingeschränkt.“ Beide BBS-Schulleiter signalisierten am Montag ihr Interesse, das Paexo schon im nächsten Berufsausbildungsjahrgang einzusetzen.

Ziel: Entlastung bei körperlich anspruchsvollen Arbeiten

Das Exoskelett Paexo geht auf die Forschung von Ottobock zurück, wo seit 2012 nach innovativen Lösungen gesucht wird, „mit denen sich Arbeitsplätze in Industrie, Logistik und Handwerk ergonomischer gestalten lassen. Das Ziel ist, Menschen mit körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten wie Überkopfarbeit zu entlasten und so gesündere Arbeitsbedingungen zu schaffen“, heißt es seitens des Duderstädter Unternehmens. Bei der Entwicklung neuer Produkte greife das Team auf die 100-jährige biomechanische und orthopädische Expertise von Ottobock zurück.

Paexo wird ähnlich wie ein Rucksack eng am Körper getragen. Das Gewicht der erhobenen Arme wird über die Armschalen mithilfe einer mechanischen Seilzugtechnik auf die Hüfte abgeleitet. Das schont die Muskeln und Gelenke im Schulterbereich spürbar. Auf diese Weise reduziert Paexo kritische physische Beanspruchung während der Arbeit. Langfristig könne eine solche präventive Entlastung zur Reduzierung von arbeitsbedingten Muskel-Skelettalen-Erkrankungen (MSE) im Schulterbereich beitragen, schreibt das Unternehmen auf seiner Website weiter.

Da es sich um ein sogenanntes passives Exoskelett handle, das keine Energiezufuhr benötige, erklärte Rössing während der Paexo-Olympiade, sei es mit weniger als zwei Kilogramm Gewicht das leichteste seiner Art. Das Design orientiere sich an den natürlichen Bewegungen des Menschen.

Das Exoskelett Paexo hat zum Ziel, Schultergelenke und Oberarme bei Tätigkeiten mit erhobenen Armen zu entlasten. Dadurch soll ein längeres beschwerdefreies Arbeiten über Kopf- und über Schulterhöhe bei voller Bewegungsfreiheit ermöglicht werden. Das biomechanische Design lässt dabei bequemes Gehen oder Sitzen zu, auch ist es möglich, Gegenstände aufzuheben. Das Exoskelett wiegt weniger als zwei Kilogramm. Es ist individuell auf seinen Träger anpassbar und in weniger als 20 Sekunden anbeziehungsweise abgelegt.

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