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Home Sonderthemen Job & Karriere Komm rein!
11:13 19.11.2018
Die Projektleiter Jürgen Dürr (links) und Willi Dröge freuen sich über die „gute Teamarbeit und Hilfsbereitschaft“ unter den Teilnehmenden am Projekt „Ameisenhaufen“. Zu ihnen gehört der 13-jährige Justin. FOTOS: R
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Erste berufspraktische Erfahrungen sammeln Jugendliche in den Werkstätten der BFGoe an den Zietenterrassen.

In vier Werkstattbereichen kann ein Praktikum absolviert werden, neben der Fachpraxis steht dabei auch Fachkunde-Unterricht auf dem Plan. Für bis zu sechs Monate werden die Teilnehmer von Sozialpädagogen unterstützt ihre sozialen Kompetenzen zu stärken, aber auch ein Bewerbungstraining ist Teil der Arbeit. Oft sind die Jugendlichen „anfangs noch nicht so belastbar“, weiß Sigrid Kleiß von der BFGoe. Sie ist Abteilungsleiterin in den Jugendwerkstätten und seit fast 20 Jahren für die Belange der Jugend im Einsatz.

Sie koordiniert das Team, das sich um die Schulpflichterfüllung kümmert, ebenso wie die vier Werkstatt-Bereiche am Alfred-Delp-Weg und an der Levinstraße. Für den Bereich der Schulpflichterfüllung ist Willi Dröge im Team, der unlängst etwa das Kunstprojekt „Ameisenhaufen“ mit seinen Schützlingen abgeschlossen hat. Die Arbeit mit den Werkstoffen ist zentral, um die Teilnehmer zu erreichen, und doch auch oft Mittel zum Zweck, erklärt Kleiß: „Die Jugendlichen kommen zu uns und wir qualifizieren sie in der praktischen Arbeit – das ist anders als in der Schule. Und trotzdem kommt es ganz von selbst, dass die jungen Leute sehen: Ohne bestimmte Regeln geht es einfach nicht.“

Diese Erkenntnis sei für viele überraschend, oftmals sei es gerade am Anfang schwer für Neulinge, sich auf die vorgelebten Strukturen einzulassen. Die ältesten unter den Teilnehmern starten bereits am frühen Morgen um sieben Uhr, der Tag beginnt immer mit einer gemeinsamen Arbeitsbesprechung. Oft hätten die Heranwachsenden aber bereits dann Redebedarf – etwa weil es Stress bei der Busfahrt gegeben hätte. Manchen gelingt es auch nicht gleich, den Weg auf sich zu nehmen und pünktlich vor Ort zu sein, dann bemühen sich die Mitarbeiter darum, den Teilnehmer zu aktivieren. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass sich jemand aus dem Team auf den Weg macht, um den jungen Menschen abzuholen.

„Die meisten unserer Teilnehmer haben eine eigene Geschichte. Waren an der Schule der Außenseiter, der Laute, der Auffällige, der Unbeliebte…“, zählt Kleiß auf. Daher legt das pädagogische Team Wert darauf, in den Dialog zu gehen und die Jugendlichen aufzufangen. Die Werkstätten stellen ein niedrigschwelliges Angebot dar, „wir nehmen die Leute so an, wie sie sind“. Trotzdem dürfe man nicht vergessen, dass man nicht jeden retten könne – das müssten gerade Berufsanfänger zunächst einmal lernen. „Es sind aber nicht so furchtbar viele.“

In den letzten 20 Jahren habe sich viel verändert, erzählt Kleiß. Manches zum Positiven, manches zum Negativen. Als schwierig empfindet sie die hohe Belastung durch administrative Tätigkeiten, da Berichte nicht nur an einen Träger oder Geldgeber gehen müssten, sondern das Team vielfachem Anspruch gerecht werden müsse. Auf diese Weise würden Kapazitäten belegt, die andernfalls in die Arbeit mit den Teilnehmenden fließen könnten. Ähnlich sei es auch mit den Geldern – man müsse jeden Einzelfall neu betrachten, um zu schauen, wie man den Teilnehmer nun konkret finanzieren könne. „Dabei sind unsere jungen Leute heute sehr wohl motiviert in Ausbildung zu gehen und einen Schulabschluss nachzuholen, da sage ich doch lieber ‚Komm rein!‘. Der Rest findet sich dann schon.“

Ein Unterschied zu ihrer Arbeit vor zehn Jahren: Damals wussten die Jugendlichen genau darüber Bescheid, dass ihre Berufsperspektiven schlecht waren, so Kleiß. Dass sie mit ihren Geschichten des Scheiterns keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatten. Entsprechend gering war die Motivation. Hier kommt den Jugendlichen heute der Strukturwandel und Fachkräftemangel zugute – viele wissen sehr genau, dass ihnen eine handwerkliche Vorbildung, wie sie sie in den Jugendwerkstätten erhalten, Türen öffnen kann.

Neben der Produktionsschule gibt es seitens der BFGoe noch eine weitere Option für Schulp¬flichtige. In den Jugendwerkstätten stehen sechs Plätze bereit, die ebenso wie die Produktionsschule mit einem hohen Praxisanteil in den Werkstattbereichen ausgezeichnet sind. In Absprache können Teilnehmer auch ein betriebliches Praktikum absolvieren. Im Unterschied zu den Jugendlichen an der Levinstraße haben die Teilnehmer ihre allgemeine Schulp¬ icht erfüllt, sind aber noch berufsschulpflichtig.


Bike Inn
• Einblicke und berufspraktische Erfahrungen, die in einem Fahrradhotel vorkommen
• Allgemeine Berufskunde und der Erwerb handwerklicher Grundkenntnisse
• Betriebspraktika in den Feldern Gastronomie und Hotellerie, Hauswirtschaft, Fahrradtechnik und -service, Hausmeisterservice

Kfz- und Metallwerkstatt
• Praktische Arbeit in einer modernen Werkstatt
• Herstellung und Montage von Gegenständen aus Metall (Tore, Treppen, Geländer)
• Beteiligung an der Wartung des Fuhrparks der Beschäftigungsförderung (BFGoe)
• Unterstützung bei der persönlichen und beru¬flichen Orientierung
• Qualifizierung in Theorie und Praxis

Media Office
• Für jede/n Teilnehmer/in ein eigener, fester Arbeitsplatz
• Herstellung von Print- und Medienprodukten
• ein kreativer und gestalterischer Umgang mit „neuen Medien“
• Vermittlung von Kenntnissen in der Textgestaltung und Bildbearbeitung am PC mit den Programmen Adobe Photoshop, InDesign, Illustrator. Vorkenntnisse in diesem Bereich sind nicht erforderlich
• Vermittlung von kaufmännischen Grundlagen und Hintergründen
• Unterstützung bei der persönlichen und beruflichen Orientierung

Vitalia – Gesundheit und Soziales
• Berufliche Orientierung und Qualifizierung in den Bereichen Gesundheit & Soziales
• Kennenlernen berufspraktischer Inhalte in kleinen Gruppen
• Klärung der Frage „Passe ich in einen helfenden Beruf?“
• Trainingsmodule und Projekte zu Themenwochen
• Unterstützung bei der persönlichen und beruflichen Orientierung
• Qualifizierung in Theorie und Praxis (z.B. Basiskenntnisse der Pflege, 4 bis 6 wöchiges Praktikum)
• Individuelle Bewerbungsstrategien

Anschauliche Vermittlung von Anatomie: Helga Braas (päd. Leitung Vitalia) und Sharef Ibrahim im Unterrichtsraum. FOTO: HINZMANN
Anschauliche Vermittlung von Anatomie: Helga Braas (päd. Leitung Vitalia) und Sharef Ibrahim im Unterrichtsraum. FOTO: HINZMANN

Im Kleinen ist es ein bisschen wie die vielzitierte Geschichte des Tellerwäschers. Wenn man sich wirklich anstrengt, dann kann man Unglaubliches erreichen. Sharef Ibrahim kam vor drei Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Der heute 24-Jährige ist ein ehrgeiziger junger Mann, dessen Werdegang bewegt.

„Willkommen in Göttingen“ – den Namen des Projekts der BFGoe nahm der Sudanese wörtlich. Er hat die Stadt zu seinem Zuhause gemacht und ist unlängst sogar in eine eigene Wohnung gezogen. Der junge Mann, der bereits ein grundlegendes Verständnis von Krankenpflege mitgebracht hatte, konnte die berufliche Qualifizierung bei Vitalia für sich nutzen. Hier konnte er seine Kenntnisse vertiefen und den Bereich „Gesundheit und Soziales“ besser kennenlernen.„


„Am Anfang habe ich nur bei Niveau A1 bis Niveau B1 in der Levinstraße den Deutschkurs angefangen. Dann bin ich hier bei Vitalia angefangen, also nach dem B1. Und dann haben wir hier auch Gesundheit und Soziales gelernt. Und das hat mir gut gefällt. Hier kann man immer Fragen stellen. Richtig hilfreich um die Sprache zu lernen. Wenn ich hier etwas falsch sagen, dann wird es korrigiert.“


Schon zu dieser Zeit war es sein Wunsch eine Ausbildung als Krankenpfleger zu machen, ein Ziel, auf das er unermüdlich hinarbeitete. Nach einem Praktikum im Göttinger Krankenhaus Neu-Maria-Hilf, wagte er den Sprung und bewarb sich um eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Doch es gab eine Bedingung für seine Einstellung: Sprachkenntnisse auf dem Level B2.„


„Man braucht die Sprachzeugnis, wenn man die Ausbildung machen möchte. Also habe ich weitere Kurs gemacht und dann die Prüfung gemacht. Zusammen mit Petra [Scherrer, Fachanleiterin Pflege] habe ich dann Bewerbung geschrieben.“


Ibrahim biss sich durch und erarbeitete sich das lang ersehnte Vorstellungsgespräch: In der Krankenpflegeschule des Weender Krankenhauses. Und wirklich: Im April 2018 beginnt der Sudanese mit der dreijährigen Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger.„


In der Ausbildung man lernt ganz viel. Also bei Krankenpfleger. Wir lernen Anatomie und Ausbildungsrecht und Sozialrecht und viel von die Krankenpfleger. Schwierig ist die medizinische Begriff. Die muss man immer übersetzen. Die Ausbildung läuft drei Jahre. Bis 2021. Am Anfang habe ich gedacht, ich schaffe das so nicht. Die ersten beiden Monate. Habe ich gedacht, das ist so schwer. Aber jetzt es läuft gut. Letztes Mal habe ich [eine] Zwei geschrieben."


Level B2: Was bedeutet das?

Der europäische Referenzrahmen legt die Sprachanwendung genau fest. Für das Level B2 besagt dieser Rahmen, dass der Akteur „die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen [kann] und im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen [versteht]. [Der Akteur] kann sich fließend verständigen, ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ist ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich. [Der Akteur] kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben. (vgl. http://www.europaeischer-referenzrahmen.de/)

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