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Home Sonderthemen Wirtschaft & Finanzen 175 Jahre Industriegebiet Göttingen-Grone: Wechselvolle Geschichte
11:41 19.08.2020
Die Levinsche Wollwarenfabrik, hier in einer Luftaufnahme aus dem Jahr 1927, war die Keimzelle des heutigen Industriegebiets Göttingen-Grone. Später als Flakzeugamt des Militärflugplatzes genutzt, wurde das Gebäude bei einem Luftangriff völlig zerstört. FOTO:STÄDTISCHES MUSEUM GÖTTINGEN

Grone. Das Industriegebiet Göttingen-Grone kann inzwischen auf eine 175-jährige Geschichte zurückblicken. Der größte Teil der bebauten Fläche – mehr als 100 Hektar – entstand allerdings erst zu Beginn der 1950er-Jahre durch die Umnutzung des früheren Militärflugplatzes, wie der Hobbyhistoriker Sven Schreivogel zu berichten weiß.

„Zur ersten industriellen Besiedlung im Westen Göttingens kam es aber deutlich früher, nämlich schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts“, erklärt der Neu-Eichenberger, der in Grone aufgewachsen ist und die Bindung an den Göttinger Stadtteil nie verloren hat. „1846 öffneten die Levinsche Wollwarenfabrik, 1853 die Saline Luisenhall ihre Pforten“, erinnert Schreivogel. 1913 sei mit den Physikalischen Werkstätten (Phywe) am Salinenweg ein „wichtiger Arbeitgeber“ hinzugekommen – damals von Dr. Gotthelf Leimbach als „Gesellschaft zur Erforschung des Erinnern“ gegründet. Ihm, Leimbach, ist hier übrigens auch eine Straße gewidmet.

Rundes Bild: Zivile Nachnutzung als Segelflugplatz im Nordwesten des Industriegebiets, im Hintergrund das Filmatelier. Bis dato unveröffentlichte Aufnahme aus dem Jahr 1953. FOTO: ARCHIV FILMBÜRO GÖTTINGEN / REPRO: KLAWUNN
Rundes Bild: Zivile Nachnutzung als Segelflugplatz im Nordwesten des Industriegebiets, im Hintergrund das Filmatelier. Bis dato unveröffentlichte Aufnahme aus dem Jahr 1953. FOTO: ARCHIV FILMBÜRO GÖTTINGEN / REPRO: KLAWUNN

Straße und Schiene

Dass sich das Groner Industriegebiet gut entwickeln konnte, hat laut Schreivogel ganz wesentlich mit dem Industriestammgleis zu tun, das Hermann Barthold Levin 1892 für die Tuchmacherei und die Saline habe erbauen lassen. Die sechs Kilometer lange Strecke hat zahlreiche Gleisanschlüsse zu weiteren Betrieben bekommen. Neben der Schiene war aber auch die Straße von erheblicher Bedeutung: „Durch den aufkommenden Lkw-Verkehr erlebte das neu geschaffene Industriegebiet großen Auf schwung in Zeiten des Wirtschaftswunders“, so der Experte, der zusammen mit dem Göttinger Schauspieler Jan Reinartz seit mehreren Jahren an einer Dokumentation über das Groner Industriegebiet und seine Geschichte arbeitet. Angesiedelt hätten sich damals immer mehr Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe – unter anderem Fabrikationen für Holzspan, Schamotte und Textilien –, aber auch Automobilzulieferer und andere Transport-intensive Unternehmen. Folgerichtig seien dann auch Ansiedlungen mehrerer Speditionen erfolgt, darunter Hermann Weber und Friedrich Zufall.

Zwischen 1948 und 1961 war das Industriegebiet außerdem Heimat des Göttinger Filmateliers am Elliehäuser Weg, in dem rund 100 Spielfilme gedreht wurden – darunter acht mit Heinz Erhardt. „Sämtliche Stars des deutschen Nachkriegsfilms gaben sich hier die Klinke in die Hand, nicht wenige starteten hier sogar ihre Karriere“, betont Schreivogel. Die Filmindustrie sei damals ein wichtiger Arbeitgeber gewesen – für Schauspieler des Deutschen Theaters ebenso wie für Studenten und Senioren, die sich als Komparsen bei Dreharbeiten ein Zubrot verdienen konnten. Übrigens: Auch die Firmen aus dem Groner Industriegebiet unterstützten gelegentlich die Dreharbeiten. So waren hin und wieder Fahrzeuge der ansässigen Speditionen in Göttinger Filmen zu sehen (zum Beispiel ein Zufall-Fahrzeug in „Natürlich die Autofahrer“). mr

Info Seit Sommer 2016 arbeiten Jan Reinartz und Sven Schreivogel an einer Dokumentation über das Industriegebiet Göttingen-Grone. Ergebnisse ihrer Recherchen sind in diesen Beitrag eingeflossen.
    

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