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Home Sonderthemen Wirtschaft & Finanzen Immer mehr Menschen über 65 Jahre gehen arbeiten
07:18 11.11.2019
Zuverdienst zur Rente: Der Anteil der Über-65-Jährigen ausschließlich geringfügig Beschäftigten „Minijobber“ ist im Bereich der Göttinger Arbeitsagentur von 2016 bis 2019 um 17 Prozent gestiegen. FOTO: DPA
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Von Michael Brakemeier  

Göttingen. Sie wollen es nicht lassen, und sie können es oft auch nicht lassen: Weit mehr als ein Viertel aller Rentner in Deutschland sind in den ersten drei Jahren nach Übergang in die Altersrente erwerbstätig. Bei den Frauen beträgt der Anteil 31 Prozent, bei den Männern 28 Prozent. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor.

Als Grund für eine Erwerbstätigkeit im Rentenalter gaben die rund 1 000 vom IAB befragten Personen im Alter von 58 bis 69 Jahren überwiegend soziale und persönliche Motive an: Jeweils rund 90 Prozent der erwerbstätigen Rentner hätten Spaß bei der Arbeit, bräuchten den Kontakt zu anderen Menschen oder wünschten sich weiterhin eine Aufgabe.

Mehr als die Hälfte der Befragten nannte allerdings auch finanzielle Gründe für ihre Erwerbsarbeit. Das gelte besonders für Frauen, die nach eigenen Angaben häufiger als Männer auf einen Hinzuverdienst zur Altersrente angewiesen seien.

Unter den nicht erwerbstätigen Rentenbeziehern würden 13 Prozent aller Frauen und 20 Prozent der Männer gerne eine Erwerbsarbeit aufnehmen. „Politik und Betriebe sollten mit flexiblen Regelungen günstige Rahmenbedingungen schaffen, damit Erwerbswünsche im Rentenalter besser realisiert werden können“, heißt es in der Studie. So könnte beispielsweise in Tarifverträgen generell auf die Festlegung einer automatischen Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Erreichen der Regelaltersgrenze verzichtet werden.

Auch im Bereich der Göttinger Agentur für Arbeit ist die Zahl der geringfügig Beschäftigten über 65 Jahren in den vergangenen Jahren gestiegen: „Guckt man sich die vorliegen Zahlen an, bedeutet dies, dass von März 2016 bis März 2019 der Anteil der Über-65-Jährigen ausschließlich geringfügig Beschäftigten „Minijobber“ um 17 Prozent gestiegen ist“, sagt Agentursprecherin Christine Gudd.

Anstieg im Bereich der Göttinger Arbeitsagentur

Die arbeitenden Rentner fänden insbesondere Jobs im Handel, in freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen, in privaten Haushalten, aber auch im verarbeitenden Gewerbe, erläutert Gudd. Waren 2016 im Agenturbezirk Göttingen noch 3383 Menschen über 65 Jahren geringfügig beschäftigt, waren es 2019 bereits 3961. „Insgesamt ist der Anteil an Männern im Bereich der älteren geringfügig Beschäftigten mit knapp 54 Prozent höher als bei den Frauen mit knapp 46 Prozent“, erklärt Gudd.

Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes war für rund 38 Prozent der Erwerbstätigen ab 65 Jahren die ausgeübte Tätigkeit „die vorwiegende Quelle des Lebensunterhalts“. Damit habe es 2018 in Deutschland 487 000 Personen gegeben, die im Rentenalter überwiegend vom eigenen Arbeitseinkommen lebten. Für die Mehrheit der Erwerbstätigen ab 65 Jahren sei dieses Einkommen aber ein Zuverdienst gewesen. 59 Prozent lebten in erster Linie von ihrer Rente beziehungsweise ihrem Vermögen.

Als einen Grund für den Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen ab 65 Jahren nennt das Bundesamt die geänderten gesetzlichen Rahmenbedingungen für den Renteneintritt. Seit 2012 sei das gesetzliche Renteneintrittsalter in Deutschland stufenweise auf 67 Jahre angehoben worden. Daher sei zukünftig mit einer weiteren Zunahme der Erwerbstätigkeit von älteren Menschen zu rechnen, so die Prognose. Zum anderen sei das Bildungsniveau kontinuierlich gestiegen, und höhere Bildungsabschlüsse gingen oft mit einer längeren Teilnahme am Erwerbsleben einher. So waren 2018 Hochqualifizierte in der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen mit einer Erwerbstätigenquote von 72 Prozent deutlich häufiger am Erwerbsleben beteiligt als Geringqualifizierte (47 Prozent).
      

Kommen Rentner mit ihren Einkünften nicht aus, können sie eine Grundsicherung beantragen, die es ihnen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nähmen von mehr als einer Million Senioren mit Anspruch auf Grundsicherung im Alter nur 566 000 diese Leistung auch in Anspruch.

Zwar floriere der Arbeitsmarkt seit Jahren, doch selbst bei weiter guter Konjunktur könnte das Armutsrisiko unter Rentnern laut einer DIW-Studie in den nächsten 20 Jahren spürbar steigen. Der Anteil davon bedrohter Ruheständler könnte bis 2039 von aktuell 16,8 Prozent auf 21,6 Prozent wachsen. Im Sommer 2018 belief sich nach Auskunft des Bundesarbeitsministeriums fast jede zweite Altersrente in Deutschland auf weniger als 800 Euro. Im Landkreis Göttingen – ohne die Stadt Göttingen – bezogen mit Stichtag 30. September 963 Rentner eine Grundsicherung im Alter, davon 220 aus dem Altkreis Münden, 131 aus dem Bereich Duderstadt und 165 aus dem Bereich Göttingen-Land. 2017 waren es 970. 2014 lag ihre Zahl noch bei 980. In der Stadt Göttingen belief sich die Zahl der Empfänger von Sozialleistungen, die älter als 65 Jahre sind, auf 1074. Die Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) rät Betroffenen: Wer ein Einkommen von unter 865 Euro pro Monat hat, sollte den Anspruch auf Grundsicherung prüfen lassen. Den Antrag stellen Rentner beim regional zuständigen Amt, es entscheidet im Einzelfall über die Höhe einer Zahlung. MIB/DPA/RND

Gerade im Bau- und Holzgewerbe steigt das Risiko der Berufsunfähigkeit im Alter. FOTO: DPA
Gerade im Bau- und Holzgewerbe steigt das Risiko der Berufsunfähigkeit im Alter. FOTO: DPA

Göttingen. Weniger als die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland arbeitet bis zum offiziellen Renteneintrittsalter. Mehr als jeder zweite Erwerbstätige scheidet vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus – darunter 13,5 Prozent wegen Berufsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit oder Schwerbehinderung. Das geht aus dem Gesundheitsreport „Fit oder fertig?“ der Techniker Krankenkasse (TK) von 2018 hervor, die dazu Daten von mehr als fünf Millionen Versicherten zwischen 2013 und 2017 ausgewertet hat. 54,7 Prozent der Beschäftigten des Geburtsjahrgangs 1953 bezogen in dem vierjährigen Untersuchungszeitraum den TK-Daten zufolge bereits eine Altersrente. Aus dem Jahrgang 1954 waren es 30,5 Prozent der Beschäftigten.

Stark branchenabhängig

Die Quote der berufs- und erwerbsunfähigen Frührentner hängt stark von der Branche ab. In körperlich belastenden Berufen liegt sie nach den Daten der TK hoch. Am höchsten liegt das Risiko einer Erwerbs- und Berufsunfähigkeit im Bau- und Holzgewerbe. Auch Verkehrs- und Lagerarbeiter und Beschäftigte der Metallbranche sind danach stärker gefährdet.

Angesichts einer Anhebung des Renteneintrittsalters stellt sich für Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, die Frage: „Wie ist das mit der Lebenswirklichkeit vereinbar?“ Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels seien Unternehmen und Politik dringend gefragt, Lösungen zu entwickeln. Sie müssten Maßnahmen bereitstellen, die die Gesundheit der Beschäftigten langfristig erhielten, fordert Baas. „Sicherlich ist für viele Beschäftigte ein steigendes Renteneintrittsalter bezüglich der physischen wie auch psychischen Belastungen nicht unproblematisch“, sagt Christine Gudd von der Göttinger Agentur für Arbeit. „Sicherlich sind davon bestimmte Berufe stärker betroffen als andere, aber in vielen Bereichen machen sich gesundheitsbedingte Einschränkungen am Arbeitsplatz bemerkbar.“ Das treffe nicht nur auf die viel zitierten Dachdecker, sondern etwa auch auf Pflegekräfte oder Lehrer.

Alternative Beschäftigung

Dort, wo berufsbedingte Belastungen die Ausübung der Tätigkeit erschwerten oder tendenziell nicht mehr möglich machten, könne der Betrieb über mögliche alternative Beschäftigungen in der Firma nachdenken, so Gudd weiter. „Denn für viele Firmen wird es letztlich in den nächsten Jahren schwer werden, entsprechendes Know-how im Betrieb zu halten oder den Wissenstransfer zu organisieren, wenn die starken Jahrgänge in Rente gehen. Wer aufgrund „so gravierender gesundheitlicher Einschränkungen“ seinen Arbeitsplatz aufgebe, dass er nicht mehr voll oder gar nicht mehr arbeiten könne, habe möglicherweise einen Anspruch auf Erwerbsminderungsrente oder Teilerwerbsminderungsrente, erläutert Gudd. mib


Stuttgart/Göttingen. Knapp die Hälfte der Betriebe in Deutschland blendet offenbar die Gefahren von Sucht am Arbeitsplatz aus. Jeder zweite Arbeitnehmer (49 Prozent) gibt an, dass er in seinem Betrieb keine Unterweisung oder Hinweise über die Gefahren von Alkohol und Drogen am Arbeitsplatz erhalten hat. Dies zeigt eine bundesweite Dekra-Umfrage durch das Institut Forsa. Jeder Dritte kennt demnach Kollegen, die während der Arbeitszeit Alkohol trinken. Etwa vier Millionen Erwerbstätige in Deutschland haben nach Angaben von Krankenkassen einen „riskanten Alkoholkonsum“ – rechnerisch ist das fast jeder zehnte Arbeitnehmer. ots

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