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Home Sonderthemen Job & Karriere Gestern Schüler, heute Arbeitnehmer
09:23 21.09.2019
Zusammen mit anderen Auszubildenden starten die Nachwuchskräfte in den ersten Tag. Es ist wichtig, dass sich die Azubis kennenlernen – so können Sie sich später auch gegenseitig bei Fragen zur Seite stehen und austauschen. FOTO: DPA-TMN

Mit Grauen erinnert sich Kai Madel an den ersten Tag seiner Ausbildung zum Bürokaufmann. Wie gewünscht klopfte der damals 17-Jährige morgens Punkt 8.30 Uhr an die Tür zum Sekretariat des Inhabers eines Sanitärgroßhandels. Doch als er der Sekretärin sagte, wer er sei, antwortete diese: „Der Chef ist nicht da. Der hat einen Termin.“ Dann bat sie Madel, auf einem Stuhl im Flur Platz zu nehmen.

Nach zwei Stunden rauschte endlich der Chef herein. Für mehr als einen Händedruck hatte er keine Zeit. „Kümmern Sie sich um den jungen Mann“, sagte er zur Sekretärin. Dann verschwand er wieder. „Bis mein Chef endlich mal Zeit hatte, verging eine Woche“, erzählt Madel. Motivierend wirkte das auf den angehenden Bürokaufmann nicht.
         

Die Ankunft planen

So unstrukturiert verlaufen die ersten Arbeitstage von frischgebackenen Azubis oft – speziell in Kleinbetrieben. „Sie sind häufig auf die Ankunft der neuen Mitarbeiter nicht vorbereitet“, weiß Alexander Walz von der Personalberatung Conciliat. „Mal sollen die Berufseinsteiger gleich wie ‚alte Hasen’ mitarbeiten.“ Das überfordert viele. „Mal stehen sie nutzlos in der Ecke.“ Das erzeugt bei ihnen das Gefühl: Ich werde nicht gebraucht.

Dahinter steckt meist keine böse Absicht, betont Walz. „Die Verantwortlichen versetzen sich nur zu wenig in die Lage der jungen Leute.“ Für diese beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Entsprechend angespannt sind sie. Hunderte Gedanken rasen ihnen durch den Kopf: Wie sind meine künftigen Kollegen? Werde ich akzeptiert? Kann ich die Aufgaben erfüllen? „Deshalb ist es wichtig, den jungen Leuten eine gute Ankunft zu ermöglichen“ – auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen. „Denn vom ersten Eindruck hängt stark ab, wie sehr sie sich mit ihrem Job und Arbeitgeber identifizieren.“

Die Neulinge einführen

Das haben die meisten Großunternehmen erkannt. Deshalb gibt es dort Einführungsprogramme – zum Beispiel bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Dort dauert die Einführungsphase für die jährlich rund 100 Auszubildenden zwei Wochen. Zunächst werden die Azubis vom Personalvorstand begrüßt. Danach folgen drei Tage, die primär dem Kennenlernen des Unternehmens und der algemeinen Information dienen. Anschließend nehmen die Azubis an einem zweitägigen Outdoortrainingteil. „Auch um sich wechselseitig kennenzulernen“, betont Ausbildungsleiterin Marion Matter. „Denn das fördert die Identifikation mit dem Unternehmen.“ In der zweiten Woche werden die Azubis in die Software-Programme eingeführt. Auch ein Telefontraining steht im Programm. Und ebenfalls ein fester Baustein der Einführung ist ein halbtägiger Benimm-Kurs. In ihm geht es, so Matter, „primär um scheinbar banale Dinge: Wie kleide ich mich angemessen? Was mache ich, wenn ich etwas brauche? Wie und wann grüße ich Kollegen?“ Lauter Kleinigkeiten, die für berufserfahrene Mitarbeiter selbstverständlich sind. Berufseinsteiger wissen aber oft noch nicht, welche Verhaltensregeln in den Betrieben gelten. Also sollte man es ihnen sagen.

Die Erwartungen erläutern

So aufwendige Einführungsprogramme können sich kleinere Unternehmen nicht leisten. Das ist auch nicht nötig. Trotzdem sollten auch sie sich überlegen, wie sie den Berufseinsteigern das Ankommen erleichtern. Selbstverständlich sollte eine Begrüßung durch den Chef sein; außerdem, dass er oder ein Stellvertreter sich zwei, drei Stunden Zeit nimmt, dem Azubi den Betrieb zu zeigen und ihn den wichtigsten Personen vorzustellen. Auch ganz praktische Dinge gilt es zu besprechen. Zum Beispiel: Ist es üblich, dass Neue einen Einstand geben? Wie sind die Pausen geregelt?

Mit viel mehr Infos sollte man die Azubis am ersten Tag nicht belasten. Sinnvoller ist es, ein weiteres Gespräch am Folgetag zu vereinbaren. Dann kann der Verlauf der Ausbildung erklärt werden und was das Unternehmen vom Azubi erwartet – „auch bezüglich seines Arbeitsverhaltens und im Umgang mit Kunden und Kollegen.“ Das geschieht oft nicht, kritisiert Führungskräftetrainer Joachim Simon, Braunschweig, „weshalb die jungen Kollegen ungewollt in Fettnäpfchen treten“.

Wichtige Infos schriftlich Klar ist: Die Neuen können sich nicht alles merken, was in den ersten Tagen auf sie einprasselt. Deshalb empfiehlt Simon Betrieben, die wichtigsten Dinge in einem Handbuch zu notieren. Darin kann zum Beispiel stehen: Wie werden Unterlagen archiviert? Was ist beim Schreiben von Mails zu beachten? Wie und wann ist Urlaub zu beantragen? So ein Handbuch erspart Zeit. Denn die Azubis müssen seltener bei Kollegen nachfragen. Hilfreich ist auch ein Plan, wer den Auszubildenden wann solche Dinge wie die wichtigsten PCProgramme erklärt. Das stellt sicher, dass nichts vergessen wird. Und: Die Infos werden in verdaubaren Häppchen serviert.


Viele Auszubildende sind übergewichtig und klagen schon regelmäßig über Rückenbeschwerden“, berichtet Liane Pöhlmann, Koordinatorin betriebliches Gesundheitsmanagement bei der AOK Heilbronn-Franken. Deshalb integrieren immer mehr Betriebe in ihre Ausbildungen Gesundheitsfördermaßnahmen. So zum Beispiel die Bausparkasse Schwäbisch Hall. Sie baute bereits vor zehn Jahren ein „Azubi-Fit“ genanntes Trainingsprogramm in ihren Ausbildungsplan ein. Mit dem Ziel: Die Azubis sollen lernen, sich körperlich und geistig fit zu halten – noch bevor sie die ersten Zipperlein plagen. „Denn dann lassen sich die meisten Zivilisationskrankheiten nicht mehr vermeiden“, erklärt Pöhlmann, die das Programm mitkonzipiert hat. Zum Beispiel viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Oder Erkrankungen des Bewegungsapparats.

Ähnliche Initiativen gibt es inzwischen in zahlreichen größeren Unternehmen – unter anderem bei Bosch und Daimler. Doch noch immer gilt laut Pöhlmann: „Viele Betriebe beklagen zwar, die Azubis würden körperlich und geistig immer unbeweglicher. Doch recht wenige tun etwas dagegen.“

Azubis sind häufiger krank

Dabei wäre dies sinnvoll. Denn Azubis fehlen im Schnitt häufiger krankheitsbedingt als ihre älteren Kollegen. Und eine Studie ergab: Fast jeder dritte Azubi hat schon zu Beginn der Ausbildung regelmäßig Rückenschmerzen. „Und das wird mit zunehmendem Alter schlimmer“, weiß Pöhlmann. Und fragt besorgt: „Was ist, wenn die Azubis von heute 40 oder gar 60 Jahre alt sind?“ Diese Frage beschäftigt immer mehr Unternehmen – auch weil ihre Belegschaften älter und junge Fachkräfte zunehmend rar werden.

Für die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gilt: Sie sind gesund. „Viele verhalten sich aber nicht so, dass sie gesund bleiben“, kritisiert Michael Treixler, Geschäftsführer des Experten für Betriebliches Gesundheitsmanagement SKOLAwork, Königswinter. Dabei lassen sich zwei Gruppen von Jugendlichen unterscheiden. Die einen sind in ihrer Freizeit sportlich sehr aktiv. Die anderen hingegen bewegen sich kaum. „Und dass viele Jugendliche lieber Fertig-Pizzen als Salat essen, ist kein Geheimnis“, ergänzt Treixler. Diesem Fehlverhalten versuchen die Betriebe mit ihren Gesundheitsförderprogrammen entgegenzuwirken – gemäß der Maxime: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Körperliche und geistige Fitness fördern

„Früh mit der Gesundheitsförderung zu beginnen, ist auch betriebswirtschaftlich sinnvoll“, betont Dr. Martin Braun, Experte für menschengerechte Arbeitsgestaltung beim Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Stuttgart. „Denn wenn Mitarbeiter häufig erkranken, kostet das die Betriebe mehr als Entspannungskurse und Rückengymnastik anzubieten.“ Bei ihren Förderprogrammen für Azubis setzen die Unternehmen unterschiedliche Schwerpunkte.

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