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Home Sonderthemen Freizeit & Familie Oldenburg: Von Anfang bis Ende
11:24 18.11.2020
Ellen Matzdorf, Bestatterin und Hebamme, sitzt in ihrem Bestattungsinstitut am Schreibtisch. FOTO: SINA SCHULDT/DPA

Oldenburg. Ellen Matzdorf ist dabei, wenn das Leben beginnt – und wenn es endet. Die Oldenburgerin ist Hebamme sowie Bestatterin. Auf den ersten Blick ist es eine ungewöhnliche Berufskombination, die die 57-Jährige jedoch als folgerichtig ansieht.

Masha ist zwar schon ein gutes halbes Jahr alt. Ihre Mama Ramona Perthold nimmt ab und an aber noch die Beratung ihrer Hebamme Ellen Matzdorf in Anspruch. „Sie gibt Tipps, die man braucht“, sagt Ramona Perthold. Normalerweise kommt Matzdorf zu Mutter und Tochter nach Hause, heute passt es aber besser, sich woanders zu treffen: im Beerdigungsinstitut „Stern Bestattungen“ von Ellen Matzdorf. Denn die Oldenburgerin ist nicht nur seit 25 Jahren Hebamme, seit vier Jahren ist sie auch Bestatterin. Sie ist dabei, wenn das Leben beginnt - und wenn es endet.

Ungewöhnliche Kombination?

Die 57-Jährige weiß, dass ihre Berufskombination ungewöhnlich klingt. Doch für sie ergibt sie Sinn: „Beruflich hat sich ein Kreis geschlossen.“ Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter, sagt: „Dass beide Berufe von derselben Person zur gleichen Zeit ausgeübt werden, wird sicherlich die absolute Ausnahme bleiben.“ Trotzdem sieht auch er nur einen scheinbaren Gegensatz. Schließlich hätten beide Berufe mit den sensibelsten Punkten des Lebens zu tun. „Entscheidend ist, dass die Menschen sich in einer emotionalen Ausnahmesituation gut, sicher, qualifiziert und fachgerecht aufgehoben und begleitet fühlen“, sagt Neuser.

Wäre Ellen Matzdorf nicht Hebamme geworden, wäre sie vielleicht auch nicht Bestatterin geworden. „Leben und Tod liegen sehr nah beieinander“, betont sie. Und manchmal kommt der Tod bereits, wenn das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat. Als Hebamme erlebte sie, wie Kinder während einer späten Schwangerschaft im Mutterleib starben. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kolleginnen begleitete Ellen Matzdorf solche Geburten gerne. „Obwohl die Situation für die Mütter emotional extrem belastend ist, haben wir trotzdem manch richtig schöne Geburt erlebt“, erzählt sie.

Nach solchen Geburten setzte sie sich dafür ein, dass die Eltern die toten Kinder mit nach Hause nehmen durften - was nicht üblich war. „Kinder gehören zu ihren Eltern“, ist sie überzeugt. „Zuhause können sie in aller Ruhe Abschied nehmen.“ Parallel zu ihrer Hebammentätigkeit ließ sie sich zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden. „Mit meiner Erfahrung, dass Schwangerschaften nicht immer gut laufen, hat der Tod für mich Normalität bekommen“, sagt sie.

Hebamme wurde Matzdorf erst mit über 30. Zunächst war sie persönliche Assistentin eines Schwerstbehinderten. „Ich habe eine Woche rund um die Uhr gearbeitet und hatte dann eine Woche frei“, erzählt sie. Als sie schwanger wurde, war klar, dass sie den Job mit Kind nicht weitermachen konnte. Ihr kam die Idee, Hebamme zu werden. Sie machte eine Ausbildung und arbeitete als freiberufliche Hebamme. „Ich empfinde es nach wie vor als Privileg, dass Familien mich aussuchen, sie beim Start in einen neuen Lebensabschnitt begleiten zu dürfen.“

Sie eröffnete das erste Geburtshaus in Oldenburg, bot Hausgeburten an und begleitete Gebärende ins Krankenhaus. „Ich fand es immer wichtig, dass Frauen wählen dürfen, wo sie ihr Kind bekommen.“ Vor fünf Jahren machte sie ihr Geburtshaus trotzdem dicht. „Bei aller Liebe war der Moment erreicht, aufzuhören.“ Es ging finanziell nicht mehr. Bundesweit schließen immer mehr Geburtshäuser, weil die Haftpflichtbeiträge für die Geburtshilfe stetig steigen. Außerdem seien die bürokratischen Anforderungen größer geworden, sagt Matzdorf: „Die Arbeit ging immer weiter weg von dem, was Hebammen eigentlich tun.“

Sie betreute weiter freiberuflich Schwangere und Mütter im Wochenbett. Gleichzeitig schaute sie sich nach einem zweiten Standbein um. Und da der Tod für sie nie ein Tabu war, machte sie diverse Praktika bei alternativen Bestattern. Dort sah sie auch, wie ein Bestatter eng mit einer Hebamme zusammenarbeitete. „Das hat mich sehr berührt und inspiriert“, sagt sie. „Ich dachte mir: Was die beiden zu zweit können, kann ich allein.“

Der Beruf der Bestatterin ist nicht geschützt, man muss keine Ausbildung durchlaufen. Ellen Matzdorf eignete sich alles selbst an und kaufte einen gebrauchten Bestattungswagen. „In blau, das war mir wichtig“, sagt sie Räume mietete sie zunächst nicht an, Leichname können auch in öffentlichen Leichenhallen gekühlt werden.

„Es hat sich gezeigt: Ich kann das“

Zunächst wollte sie nur Familien mit gestorbenen Kindern betreuen – damit kannte sie sich aus. Sie informierte Kinderärzte und Gynäkologen über ihr Angebot. Daraufhin bekam sie eine Mail vom Vater eines Kleinkindes, das bald sterben würde. Sie half der Familie über die schwere Zeit, begleitete das Kind in den Tod, organisierte die Beerdigung gemeinsam mit der Familie, ließ Eltern und Geschwister den Sarg bemalen. „Es hat sich gezeigt: Ich kann das“, sagt Matzdorf, „aber es war auch eine echte Herausforderung. Wenn ein Kind stirbt, bricht alles zusammen.“ Nach der Beerdigung fragte die Mutter sie, ob sie ihre Hebamme sein möchte - die Frau war wieder schwanger.

Weil alles gut lief, konnte sich Matzdorf schließlich doch vorstellen, auch erwachsene Tote zu beerdigen. 2019 mietete sie Räume an, in die nun Ramona Perthold und Masha gekommen sind. Sie sind hell, haben große Fensterfronten - früher war hier ein Blumenladen. Ramona Perthold hat mit den Räumlichkeiten, in denen Urnen und Särge ausgestellt sind, kein Problem. „Ellen ist eine Hebamme, wie man sie sich als Mutter vorstellt“, sagt sie. „Sie ist sehr herzlich und verständnisvoll. Sie hat eine sehr ruhige Art.“

Ellen Matzdorf sagt, müsste sie sich heute entscheiden, entweder in dem einem oder dem anderen Beruf zu arbeiten - sie könnte es nicht. „Hebamme ist meine Berufung, aber als Bestatterin fühle ich mich jetzt genauso berufen.“ dpa


Infos über das Aufbahren

Hamburg. Aufbahren heißt: Der Verstorbene muss nicht gleich in den Kühlraum des Bestatters. Er kann eine gewisse Zeit zu Hause, in einer Kapelle oder Leichenhalle bleiben, um dort besucht zu werden. Wer im Krankenhaus gestorben ist, kann nach Hause gebracht werden, damit sich Angehörige, Freunde und Bekannte besser verabschieden, vielleicht auch eine Totenwache halten können.

Da in Deutschland eine Leichenhallenpflicht gilt, ist die Zeit für eine Aufbahrung zu Hause in den meisten Bundesländern ohne jede behördliche Genehmigung auf 36 Stunden begrenzt. Manchmal kann die Frist auf Antrag bei den zuständigen Ämtern auf bis zu 96 Stunden erweitert werden.

Bei Eintritt des Todes muss zunächst ein Arzt gerufen werden, der den Totenschein ausstellt. Vorher darf der Leichnam weder versorgt noch irgendwie anders behandelt werden. Litt der Verstorbene an einer Erkrankung, die unter das Bundesseuchengesetz fällt, darf der Leichnam allerdings nicht zu Hause aufgebahrt werden. epd
      

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