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Home Sonderthemen Wirtschaft & Finanzen Die Prothese tut, was der Mensch denkt
08:10 14.02.2019
Wolfgang Bauer denkt an die Bewegung, die seine Hand ausführen soll, und die Prothese führt sie aus. Damit fehlt ihm trotz des Verlust seines Arms nichts - außer dem Gefühl. FOTO: R
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Von Nadine Eckermann     

Die Prothese, die Wolfgang Bauers rechten Arm ersetzt, ist ein modisches Highlight. Dezent in natürlicher Optik habe er sie gar nicht haben wollen, sagt der 23 Jahre alte Österreicher. Stattdessen hat er sich für ein schwarzgrünes Modell mit grafischen Mustern entschieden.

Ein wenig Roboter-Cyborg-Supermensch-Look bringt der künstliche Arm sicher mit - und eine innovative Technik: Das Aussehen ist es nämlich nicht, was die Armprothese zu einer Besonderheit macht. Bauer trägt seit Anfang 2016 das MyoPlus-System, das statt bisher zwei acht Elektroden im Schaft verbaut hat. Seinen Arm hat Bauer bei einem Unfall verloren, insofern bedeutete das Leben mit einer Prothese für ihn eine massive Umstellung, sagt er. Die Prothese gebe ihm aber alles zurück, was er verloren habe - bis auf das Gefühl. „Ich kann wieder alles machen, jede Bewegung, jeden Ablauf.“ Zuvor habe er ein „normales Zwei-Elektroden-System“ gehabt. Sich daran zu gewöhnen, habe ihm einiges abverlangt, weil die Bewegungen nicht natürlich gewesen seien. Die Prothese öffnete und schloss mit der Handgelenksbewegung. „Das heißt, wenn man das Handgelenk nach außen stellt, macht die Hand auf. Wenn man das Handgelenk nach innen stellt, macht die Hand zu.“ Das habe ein ständiges Umdenken erfordert.

Jetzt, mit den acht Elektroden, sieht das anders aus: „Wenn ich gedanklich die Hand aufmache, macht die Prothese das auch. Sie geht sofort in die verschiedenen Abläufe.“ Umschaltsignale gebe es nicht mehr, stattdessen könne er beispielsweise sofort in die Rotation oder in den Griff gehen. „Es ist alles viel einfacher.“

Bauer hat seinen Arm bei der Arbeit verloren. Eine Häckselmaschine hat ihm den Arm ausgerissen. Doch aufgeben kam für ihn nicht in Frage. Er habe immer nach vorn geschaut, sagt er, auch direkt nach dem Unfall. So geht er heute seiner Arbeit nach, als wäre nichts gewesen. Noch im Krankenhaus, nach einem kurzen Moment des Schocks, habe er gesagt: „Eine Prothese muss her“, erinnert er sich. Nie habe er das Hilfsmittel als Manko gesehen, immer als Vorteil. Dass er jetzt die gedankengesteuerte Prothese trägt, sieht er als weiteren Fortschritt. Das Prinzip erklärt er so: „Die rechte Hand kann ich mir immer noch vorstellen, in meinen Gedanken ist sie nicht weg. Also denke ich, was meine Phantomhand tun soll, und die Prothese tut es.“ Öffnen, schließen, rotieren lassen, alles funktioniert. Die Gedanken setzen die Muskelbewegung in Gang, die acht Sensoren, die im Unterarmschaft der BeBionic-Prothese stecken, lesen sie aus und übermitteln sie an die Prothese. Damit die Prothese lernt, was sie bei welchem Gedanken zu tun hat, nutzt Bauer eine Software, die er auf seine Gedanken „anlernt“: Je nachdem, welche Muskeln er für eine bestimmte Bewegung anspannt, entsteht ein sogenanntes Griffmuster. Dieses wird in der Software hinterlegt, und sobald das System das Griffmuster wiedererkennt, führt die Prothese die Bewegung aus.

Bauer trainiert die Prothese auf seine Gedanken. Dies ist eine Technologie, die die übliche Praxis umkehrt: Bisher musste der Anwender sich den Gegebenheiten der Technik anpassen. Jetzt lernt die Technik vom Menschen.

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