Menü
Anmelden
Wetter wolkig
23°/1°wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen

Home Sonderthemen Wirtschaft & Finanzen Die Erbengemeinschaft – eine Geschichte voller Missverständnisse
08:41 01.09.2020
FOTO: HALFPOINT - FOTOLIA.COM  

Wer stirbt, hinterlässt Erben. Immer. Wenn sonst keiner da ist, den Staat (zuständig ist dann der jeweilige Landesfinanzminister). Mehrere Erben bilden zusammen eine Erbengemeinschaft. Diese sind dann in ihrer Gemeinschaft Rechtsnachfolger des Erblassers.

Hierzu ein Beispiel: V stirbt und wird beerbt von Ehefrau M sowie den Kindern S und T. Ohne Testament, also bei sogenannter gesetzlicher Erbfolge, stehen M 50 Prozent und den Kindern jeweils 25 Prozent zu. Aber woran eigentlich? Nach der gesetzlichen Konzeption treten die Erben in die Fußstapfen des Erblassers und erhalten den Nachlass als Ganzes. Ihnen gehört also das gesamte geerbte Vermögen, das zuvor V gehört hatte, gemeinschaftlich – nichts gehört einem allein. Häufig wird angenommen, dass allein aufgrund der Ehe nur noch gemeinschaftliches Vermögen von Eheleuten besteht. Das ist nicht so. Durch die Heirat verändern sich die Eigentumsverhältnisse überhaupt nicht. Nur weil man verheiratet ist, hat man dadurch nicht automatisch auch gemeinschaftliches Vermögen, auch nicht an Gegenständen, die nach der Hochzeit angeschafft werden (es sei denn, diese werden ausdrücklich gemeinsam gekauft). Beide Ehegatten, im Beispiel V und M, hatten vielmehr weiterhin ihr eigenes Vermögen, und das Vermögen des V wird insgesamt vererbt. Am gesamten Nachlass (bestehend beispielsweise aus einer Immobilie, zwei Bankkonten, einem Auto und einer Briefmarkensammlung) besteht dann lediglich eine wertmäßige Beteiligung der M zu 50 Prozent. Man kann also nicht sagen, das Fahrzeug gehöre ihr zu Hälfte. Stattdessen gehört der Erbengemeinschaft alles zusammen. Das bedeutet konkret, dass S nicht einfach „seinen Anteil“ am Haus verkaufen kann. Einen solchen Anteil gibt es nämlich nicht!

Dr. Patrick Riebe FOTO: R  
Dr. Patrick Riebe FOTO: R  

Wie wird dann das Erbe verteilt? Hier ist es wie immer im Leben: Wenn sich alle einig oder jedenfalls kompromissbereit sind, findet man mit ein wenig gutem Willen eine Lösung, wie der Nachlass aufgeteilt werden soll. Feste Regeln gibt es nicht. Professionelle Unterstützung bei der Nachlassauseinandersetzung erhält man beim Rechtsanwalt oder Notar des Vertrauens.


Schwierig wird es leider, wenn eine einvernehmliche Regelung nicht zustande kommt.


Schwierig wird es leider, wenn eine einvernehmliche Regelung nicht zustande kommt. Es muss sich nämlich grundsätzlich die ganze Erbengemeinschaft einig werden, ob eine geerbte Immobilie beispielsweise vermietet oder veräußert werden soll. Dafür müssen dann alle Erben zusammenwirken. Das wiederum kann schnell zu Streit führen, wenn etwa einer der Erben einziehen, der andere fremdvermieten und der dritte unbedingt verkaufen möchte. In diesem Falle bleibt bezüglich aller Nachlassgegenstände, die nicht teilbar sind, nur noch die Teilungsversteigerung. In dieser wird dann alles an den Meistbietenden verkauft, der Veräußerungserlös wird bei Gericht hinterlegt. Über dessen Verteilung müssen sich die Erben dann wiederum einig werden. Gibt es hier erneut Streit, bleibt nur noch die Teilungsklage, um eine endgültige Auseinandersetzung herbeizuführen.

FOTO: THORBEN WENGERT_PIXELIO.DE
FOTO: THORBEN WENGERT_PIXELIO.DE

Wie kann man das vermeiden? Auch dann, wenn die Erbfolge selbst klar ist, kann es sich zur Streitvermeidung anbieten, in einem Testament eine sogenannte Teilungsanordnung zu treffen. Der Erblasser ist nämlich frei darin zu bestimmen, wie das Vermögen unter den Erben aufgeteilt werden soll. Die Erben können von der Teilungsanordnung einvernehmlich abweichen; herrscht aber Uneinigkeit, kann jeder Erbe darauf bestehen, dass die Teilungsanordnung umgesetzt wird. Außerdem kann der Erblasser im Testament bestimmen, dass ein Testamentsvollstrecker den Nachlass unter den Erben aufteilen soll. Zum Testamentsvollstrecker kann grundsätzlich jeder bestimmt werden, wobei für komplexe Familien- oder Vermögensverhältnisse auch an Rechtsanwälte oder Steuerberater als Testamentsvollstrecker zu denken ist.

Dr. Patrick Riebe, Fachanwalt für Erbrecht und Fachanwalt für Steuerrecht

Datenschutz