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Home Sonderthemen Freizeit & Familie Den Verlust begreifen
11:02 18.11.2020
Experten raten Eltern, ihren Kindern gegenüber offen mit dem Thema Trauer umzugehen. FOTO: EPD

Region. Tod und Trauer sind für die meisten Menschen Themen, die Ängste und Unsicherheiten auslösen. Das gilt besonders für Eltern, die vor der Frage stehen, wie sie mit trauernden Kindern umgehen sollen. Besser fernhalten von Trauerfeiern und Beerdigungen? Den Tod mit einem tiefen Schlaf erklären? Experten wie der niedersächsische Kinder- und Jugendlichentherapeut Dirk Wagner raten, offen mit dem Thema umzugehen. Kinder machten Trauererfahrungen und müssten auf ihre Weise lernen, damit zu leben.

Eltern wollen beschützen

Früher wurden die meisten Menschen zu Hause geboren und starben dort auch, blickt der Experte aus Moisburg bei Hamburg zurück. „Der Leichnam wurde auch nicht sofort abgeholt, sondern teilweise mehrere Tage im Haus aufgebahrt. Kinder, Nachbarn, Freunde konnten sich am Sarg verabschieden.“ Doch das ist vorbei. Heute kommt der Tote in der Regel schnell in den Kühlraum des Bestatters.

Eltern seien nach dem Tod eines nahestehenden Menschen bestrebt, ihre Kinder vor allem zu beschützen, was Schmerzen bereite, sagt Wagner. Doch eigentlich sind auch schon Kinder Experten im Abschied-Nehmen. Der Fund toter Tiere, die gestorbenen Großeltern, aber auch Abschiede wie der Wechsel vom Kindergarten auf die Grundschule, Umzüge oder die Trennung der Eltern: „Jedes Kind erlebt das, genauso wie Freude und Glück“, meint Liedermacher David Jehn aus Worpswede bei Bremen, der zu dem Thema zusammen mit seinem Bruder Nicolas ein großes Musikprojekt mit Grundschülern angeleitet hat.

Dagegen seien Vergleiche zwischen Tod und tiefem Schlaf fatal, warnt Wagner. In der kindlichen Fantasie könne dann die Frage auftauchen, was passiere, wenn der Schlafende im mit Erde bedeckten Sarg aufwache. „Wir müssen verhindern, dass ein belastendes Familiengeheimnis entsteht“, rät Wagner. Der Unterschied zwischen Tod und Schlaf müsse deutlich werden. Das könne auch passieren, indem das Kind den Leichnam anfassen dürfe und dann im wahrsten Sinne des Wortes begreife, dass ein Körper kalt geworden sei.

Kein Patentrezept

Im Umgang mit kindlicher Trauer gebe es kein Rezept, bestätigt der Familientherapeut Wagner. „Da ist jede Familie einzigartig.“ Klar sei aber, dass Kinder schon im Vorschulalter die Traurigkeit der Erwachsenen wahrnähmen und möglicherweise zu falschen Schlüssen kämen, wenn ihnen nicht gesagt werde, was passiert sei. So könnten sie in ihrer von Magie bestimmten Vorstellungswelt das Gefühl entwickeln, dass sie am Tod eines Menschen Schuld seien. Im Gespräch dagegen bleibe das Kind nicht mit seinen Gedanken allein. „Es kann Fragen stellen, sich mitteilen, einen Beitrag leisten.“

Der Worpsweder Jehn hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder ohnehin meist genaue Vorstellungen davon haben, wie man beispielsweise mit einem toten Körper umgeht. „Das hat viel mit Würde zu tun. Dazu gehört natürlich, ein Loch zu buddeln. Dann soll der Körper in eine Schachtel gelegt oder in ein Tuch gehüllt werden.“ Den Kindern sei es wichtig, dass es den Toten gutgehe: „So sollte eine Maus in einer Schachtel mit Löchern im Deckel beerdigt werden, damit das tote Tier auch genügend Luft bekommt.“

Dagegen seien Vergleiche zwischen Tod und tiefem Schlaf fatal, warnt Wagner. In der kindlichen Fantasie könne dann die Frage auftauchen, was passiere, wenn der Schlafende im mit Erde bedeckten Sarg aufwache. „Wir müssen verhindern, dass ein belastendes Familiengeheimnis entsteht“, rät Wagner. Der Unterschied zwischen Tod und Schlaf müsse deutlich werden. Das könne auch passieren, indem das Kind den Leichnam anfassen dürfe und dann im wahrsten Sinne des Wortes begreife, dass ein Körper kalt geworden sei.

Kein böser Traum

Der Bremer Theologe und Trauerexperte Klaus Dirschauer unterstützt diesen Gedanken. Um überhaupt zu verstehen, dass der Tod kein böser Traum ist, könnte es seiner Auffassung nach hilfreich sein, die Leiche zu Hause aufzubahren - so, wie es früher eben oft üblich war. „Erst einmal den Tod aushalten, darauf kommt es an“, sagt Dirschauer, für den das Aufbahren Zeit für Fragen, Klage und Dankbarkeit eröffnet.

„Kinder sollten alles fragen dürfen, was Herz, Seele und Kopf bewegt“, bekräftigt Wagner. Es komme gar nicht darauf an, Schmerzen zu vermeiden, die gehörten zum Trauerprozess dazu. Auch sei es gar nicht schlimm, wenn Eltern nicht sofort Antworten auf alle Fragen hätten. „Viel wichtiger ist es, wenn Kinder begleitet werden, ihre Ängste mitteilen können, und wenn sie dann Orientierung, Halt und Schutz erfahren.“ epd


Gespräche am Grab

Ludwigsburg. Es ist ein kleines Häuschen am Eingang des Korntaler Friedhofes in Baden-Württemberg: Die „Oase am Weg“. Sie möchte ein niederschwelliger Begegnungsort für Trauernde sein und ist in dieser Konzeption wohl einmalig. Seit 2014 besteht die „Oase“, die von der Straße außen, aber auch vom Friedhof aus besucht werden kann. In der sanierten, ehemaligen Aussegnungshalle der Evangelischen Brüdergemeinde befindet sich nun ein heller Raum mit einer Sitzgruppe für Gespräche und auch ein „Raum der Stille“ mit einem bunten Glasfenster. „Hier sind schon einige Tränen geflossen“, erzählt die Leiterin der „Oase“, Schwester Anne Messner.

Eine Leihbibliothek befindet sich in der „Oase“ mit Fachliteratur rund ums Thema Trauer und Tod. Bilderbücher für trauernde Kinder können hier ebenfalls ausgeliehen werden. Am Eingang des Friedhofes hängen kleine Boxen mit Trost - und Segensworten zum Mitnehmen. Die Oase möchte direkt dort, wo Hinterbliebene um ihre Angehörigen trauern, da sein – für alle die gerne reden wollen, erklärt die ausgebildete Trauerbegleiterin, die gemeinsam mit sieben bis acht ehrenamtlichen „Wegbegleiterinnen“ jeweils von Mittwoch bis Samstags zwei Stunden in der Oase ist. Im Gespräch mit Trauernden muss man sehr einfühlsam und behutsam sein, denn: „Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, mit Trauer umzugehen“, weiß Messner. Manche ziehen sich zurück, andere begegnen der Trauer durch Aktivismus. Die Aidlinger Schwester kennt Trauer aus ihrem eigenen Leben: Ihre kleine Schwester starb, als sie gerade zwölf Jahre alt war, wenig später starb ihre Mutter an einem Gehirntumor und zeitnah auch ihr Vater.

Nach jahrelanger Leitung der Jugendhilfe der Diakonie Korntal gründete die Sozialpädagogin mit 60 Jahren die „Helpline“, eine Beratungsstelle, die Ehrenamtliche vermittelte und half, Probleme aller Art zu lösen. Als sie nach sieben Jahren „Helpline“ die Idee für einen Begegnungsort für Menschen in Trauer bekam, hatte sie schnell den Eindruck, dass diese Idee wie von Gott gefügt war, berichtet die nun 69-Jährige. „Ich hatte nicht mehr vor, ein neues Projekt zu starten“, sagt Messner mit einem herzhaften Lachen. Doch als die Lotte von Süßkind-Stiftung sich des Projektes annahm, war klar: Sie möchte diese Oase eröffnen. epd


Trauernde Kinder unterstützen

Hannover. Auch wenn Eltern ihre Kinder vor belastenden Situationen wie einer Beerdigung gerne schützen wollen – Kinder sollten in der Trauer um Angehörige nicht ausgeschlossen werden. Was Experten noch raten:
■ Den Tod als Fakt nicht verschleiern, sondern kindgerecht aber ehrlich Auskunft geben. Der Tod ist eben kein tiefer Schlaf.
■ Kreativ sein: Malen, schreiben, basteln, gemeinsam ein Buch zum Thema lesen, das kann helfen. Genauso wie gemeinsame Rituale in der Familie, etwa Besuche am Grab, zu Hause eine Kerze anzünden.
■ Erinnerung tut gut. Etwa über eine „Schatzkiste“ mit Dingen, die etwas mit dem Verstorbenen zu tun haben. Eine positiv empfundene Verbundenheit mit dem Verstorbenen stärkt Kinder wie Erwachsene, heißt es im Familienhandbuch des Staatsinstitutes für Frühpädagogik.
■ Trauern heißt nicht, Kinder von Spiel und Spaß fernzuhalten, ganz im Gegenteil. Trauerprozesse sind anstrengend. Deshalb sind Zeiten, in denen Kräfte gestärkt werden können, um so wichtiger. epd
   

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