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Home Sonderthemen Pflege Alzheimer oder Demenz?
13:26 21.09.2018
Peter Hermann Peter Hartmann Neurologie UMG FOTO: UMG
Seniorenzentrum Göttingen gGmbH
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Für Patienten, ebenso wie für Angehörige, ist es nicht immer einfach zu verstehen, was der Begriff „Demenz“ bedeutet. Peter Hermann, Arzt und klinischer Wissenschaftler an der Universitätsmedizin Göttingen, erklärt im Interview die verschiedenen Facetten der Demenz und dass der Weg zum Facharzt essenziell ist, um eine Therapie frühzeitig zu beginnen.

Was bedeutet der Begriff „Demenz“?

Der Begriff Demenz bezeichnet ganz allgemein einen Zustand, in dem auf Grund einer Erkrankung des Gehirns bestimmte Denkfähigkeiten verloren gegangen oder zumindest eingeschränkt sind. Dies kann z.B. das Gedächtnis aber auch die Orientierung, die Aufmerksamkeit, die Sprache oder die Fähigkeit zur Problemlösung betreffen. In jedem Fall führen diese Einschränkungen dazu, dass die betroffenen Personen nicht mehr gut dazu in der Lage sind, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Wenn diese Einschränkungen zwar durch eine Testung messbar sind, aber noch nicht zu eindeutigen Problemen im Alltag führen, spricht man von einer „leichten kognitiven Beeinträchtigung“. Dies kann, muss aber nicht zwangsläufig die Vorstufe einer Demenz sein. Eine Einschränkung des Bewusstseins (z.B. durch Medikamente) oder ein Störung des Denkens im Rahmen einer psychischen Erkrankung würde man nicht als Demenz bezeichnen. Daher ist es wichtig, solche Zustände durch eine gute Diagnostik von einer „echten“ Demenz abzugrenzen.


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Was ist der Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz?

Die Alzheimer-Krankheit ist nach heutigem Kenntnisstand die häufigste Ursache für eine Demenz (ca. 2/3 der Fälle), jedoch bei Weitem nicht die Einzige. Bei der Alzheimer- Krankheit wie auch bei einigen anderen Demenzerkrankungen, den sog. „neurodegenerativen“ Demenzen kommt es zu Eiweißablagerungen im Gehirn und zum Untergang von Nervenzellen. Die genauen Ursachen und Mechanismen sind bis heute nur teilweise geklärt. In den meisten Fällen schreiten die Symptome über mehrere Jahre hinweg langsam voran. Weitere wichtige Demenzformen sind die „vaskulären“ Demenzen, die durch chronische Durchblutungsstörungen des Gehirns oder Schlaganfälle verursacht werden. Ganz entscheidend ist es, diese meist nur sehr eingeschränkt behandelbaren Demenzen von entzündlichen Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und anderen Ursachen zu unterscheiden, die sich häufig sehr gut therapieren und ggf. auch heilen lassen.

Wie häufig sind dementielle Erkrankungen?

Epidemiologische Studien gehen von weltweit ca. 50 Millionen erkrankten aus. Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu. Laut einer Studie von 2013 (Prince et al.), ist in Westeuropa ungefähr 1 von 14 Menschen über 60 betroffen. Die weltweite Häufigkeit steigt auf Grund der höher werdenden Lebenserwartung. Es bestehen keine sicheren Hinweise darauf, dass die Häufigkeit unabhängig vom Alter (z.B. durch veränderte Umwelteinflüsse) ansteigt.

Welche Symptome können als Warnzeichen angesehen werden?

Zu den frühesten Symptomen eines dementiellen Syndroms gehören Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen. Diese sind aber häufig wenig spezifisch, sie können bei sehr vielen verschiedenen Erkrankungen auftreten. Eine vermehrte Vergesslichkeit, die sich etwa im Verlegen von Gegenständen oder dem Vergessen von Namen äußert, ist ebenfalls ein Frühsymptom, insbesondere bei der Alzheimer- Krankheit. Sie kann aber auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten (z.B. Depression, Schlafstörungen, etc.). Dabei sollte aber immer bedacht werden, dass die Gedächtnisleistung natürlicherweise mit dem Alter abnimmt. Oder anders gesagt, wenn jemand mit 70 vergesslicher ist als mit 20, dann ist das zunächst mal normal.

Wann sollte der Weg unbedingt zu einem Facharzt führen?

Wenn man aber das Gefühl hat, dass etwas nicht in Ordnung ist, sollte man sich auch untersuchen lassen. Neuropsychologische Testungen berücksichtigen auch das Alter und das Bildungsniveau und sind mit keinem gesundheitlichen Risiko verbunden. Über eine aufwendigere Diagnostik kann entschieden werden, falls Ergebnisse auffällig sind. Sehr häufig ist jedoch gerade bei der Alzheimer-Krankheit im Frühstadium kein Krankheitsbewusstsein vorhanden. Die Betroffenen bemühen sich in der Regel, vor sich selbst und anderen Menschen eine „Fassade“ des Normalen aufrecht zu erhalten. In diesem Zusammenhang können wir nur dazu raten, auf nahestehende Personen (Familie, enge Freunde) zu hören. Wenn aus diesem Umfeld der Vorschlag zu einer ärztlichen Abklärung kommt, dann sollte dieser immer sehr ernst genommen werden.

Welche Faktoren kann man im Alltag beeinflussen, um geistig fit zu bleiben?

Es gibt viele Faktoren, die das Demenz-Risiko verringern können. Dazu gehört ganz allgemein eine gesunde Lebensführung mit ausreichender aber nicht zu schwerer körperlicher Betätigung, einer ausgewogenen Ernährung und auch dem Pflegen von sozialen Kontakten. Ein regelmäßiges Training der geistigen Fähigkeiten, insbesondere wenn man auf Grund des Ruhestandes nicht mehr im Beruf gefordert wird, ist klar zu empfehlen. Genauso ist es aber auch möglich, einer anspruchsvolleren Tätigkeit gemäß eigener Interessen nachzugehen.

Wie geht man mit Angehörigen und Erkrankten um?

Der Umgang mit Erkrankten stellt häufig eine große Herausforderung für die Angehörigen dar. Dabei spielt nicht nur der Verlust von Fähigkeiten eine Rolle. Gerade Persönlichkeitsveränderungen, aggressives oder apathisches Verhalten, können zu einer großen Belastung werden. Im Umgang sollte man nicht auf Korrektur von Fehlleistungen oder irrigen Annahmen bestehen, solange diese keine negativen Auswirkungen haben, da dies zu großem Stress bei den Erkrankten führen kann. Die Betroffenen benötigen ab einem gewissen Stadium der Erkrankung eine intensive pflegerische Versorgung und auch eine gesetzlich festgelegte Betreuungsperson, die sich um finanzielle und gesundheitliche Entscheidungen im Sinne der Betroffenen kümmert. Dies können Ehepartner oder andere Familienmitglieder sein. Manchmal kann es aber auch sinnvoll sein, eine außenstehende Person als Betreuer einzusetzen.

Kann eine Demenz behandelt oder gar geheilt werden?

Eine neurodegenerative Demenz wie die Alzheimer-Krankheit kann „symptomatisch“ behandelt werden. Die zur Verfügung stehenden Medikamente können das Voranschreiten der Symptome über eine Zeit zum Teil deutlich verlangsamen. Das Gleiche gilt für das Hirnleistungstraining im Rahmen einer strukturierten Ergotherapie. Auch Begleitsymptome wie eine depressive Stimmungslage sollten gemäß allgemeinen Richtlinien behandelt werden. Die zu Grunde liegende Erkrankung, der krankhafte Prozess im Hirngewebe, kann jedoch mit den bisher zur Verfügung stehenden Mitteln nicht aufgehalten werden. Für andere Ursachen dementieller Syndrome können gegebenenfalls auch hocheffektive Therapiemöglichkeiten bestehen. Beispielhaft können hier die Hormonersatztherapie bei der Schilddrüsenunterfunktion und Antibiotika oder Cortison-Therapien bei verschiedenen entzündlichen Erkrankungen des Gehirns genannt werden.

Wozu dient eine Lumbalpunktion?

Viele Vorgänge, die sich im Gehirn abspielen, hinterlassen ihre Spuren im Nervenwasser. Es ist sozusagen die „Müllkippe“ des zentralen Nervensystems und kann recht einfach durch einen Einstich im Bereich der Lendenwirbelsäule gewonnen werden. Gerade entzündliche Erkrankungen des Gehirns lassen sich meist nur hier und nicht im Blut nachweisen. Auch bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie können oft nicht alle nötigen Informationen zu einer möglichen Hirnentzündung liefern. Um möglicherweise gut behandelbare Ursachen für ein dementielles Syndrom zu identifizieren oder auszuschließen, wird gemäß aktueller Leitlinien eine Lumbalpunktion empfohlen. Darüber hinaus ist es möglich, anhand der Konzentrationen bestimmter Eiweiße, Hinweise auf eine Alzheimer-Krankheit in frühen Stadien zu erhalten.

Welche Möglichkeiten bestehen nach einer positiven Diagnose?

Wenn die Diagnose einer Alzheimer-Krankheit oder einer anderen Demenzerkrankung gestellt wird, sollte frühzeitig mit therapeutischen Maßnahmen begonnen werden. Es ist davon auszugehen, dass die zur Verfügung stehen Therapien allesamt umso effektiver sind, je früher sie gestartet werden. Ebenso sollten am besten in einem Stadium, in dem die Betroffenen noch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen überblicken können, rechtliche Angelegenheiten wie z.B. eine ggf. später notwendige Betreuung geregelt werden. Es ist eine ambulante neurologische oder psychiatrische Anbindung zu empfehlen, um auf Entwicklungen und Begleitsymptome schnell und angemessen reagieren zu können. cb


Alois Alzheimer: Der Namensgeber der Alzheimer-Krankheit FOTO: R
Alois Alzheimer: Der Namensgeber der Alzheimer-Krankheit FOTO: R

Die Unterversorgung mit Vitamin B12 könne, Studien zufolge, auch während einer Alzheimerbehandlung mit Cholinesterase-Hemmern wesentlich zum Abbau der Denkleistung beitragen. Weitere Studien sollten nun untersuchen, ob die Nahrungsergänzung mit Vitamin B12 dem schnelleren Abbau der Denkleistung gegenwirken kann und welche Patienten von einer ergänzenden Behandlung mit Vitamin B12 besonders profitieren könnten. Auch Patienten mit leichteren Gedächtniseinbußen könnten diese Studie zum Anlass nehmen, ihre Vitaminversorgung einmal vom Hausarzt überprüfen zu lassen.

Cholinesterase-Hemmer gehören zur Standardbehandlung für Demenzerkrankungen wie der Alzheimerdemenz. Zu diesen Medikamenten gehören die Wirkstoffe Donepezil, Galantamin oder Rivastigmin. Sie können meistens recht gut den allmählichen Abbau der Denkleistung verlangsamen. Jedoch kann die Wirksamkeit je nach Patient sehr unterschiedlich ausfallen. Auch ein Vitaminmangel, beispielsweise Mangel am Vitamin B12, kann zu Störungen der Denkleistung führen. Ein solcher Mangel kann im Rahmen einer vegetarischen Ernährung, einer Magenoperation, Fehlernährung oder Alkoholmissbrauch auftreten. Demenzerkrankungen aufgrund solcher Ursachen können daher auch mit einer erhöhten Aufnahme von Vitamin B12 behandelt werden. Ob dieses Vitamin aber auch noch bei Demenzerkrankten von Bedeutung ist, wenn sie bereits mit den speziellen Alzheimermedikamenten behandelt werden, war bisher noch unklar. Forscher untersuchten nun, wie sich Vitamin B12 bzw. ein Mangel daran auf die Denkleistung bei Patienten mit behandelter Alzheimerdemenz auswirkt.

Hat Vitamin B12 Auswirkungen auf die Denkleistung bei behandelter Alzheimerdemenz?

Dazu ermittelten die Wissenschaftler 165 taiwanesischen Patienten mit milder bis moderater Alzheimerdemenz, die zwischen 2009 und 2016 über mindestens 2 Jahre mit Cholinesterase-Hemmern behandelt wurden. Vor Behandlungsbeginn wurde die Menge an Vitamin B12 im Blut der Patienten bestimmt. Auch ihre Denkleistung wurde zu Beginn und im Verlauf der Behandlung gemessen. Dazu wurden Tests wie beispielsweise der Mini-Mentalstatus-Test (MMST), aber auch weniger geläufige Tests wie der CASI zur Denkleistungs-Untersuchung eingesetzt. Die Denkleistung und die jeweilige Menge an Vitamin B12 wurden dann miteinander mathematisch verglichen.

Vergleich von Denkleistung mit der Vitamin B12-Versorgung

122 der Patienten waren Frauen. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmer war 76 Jahre (zwischen 54 und 91 Jahren). Die Denkleistung der Patienten mit optimalen Vitamin B12-Werten (im Schnitt mindestens 436 ng/l) sank jährlich um 0,78 Punkte im MMSTTest. In einem weiteren Test (CASI) sank die Denkleistung bei diesen gut versorgten Menschen um 2,84 pro Jahr. Bei Menschen, die eher zu wenig Vitamin B12 im Blut hatten, sank die Denkleistung schneller: um 1,42 Punkte pro Jahr im MMST-Test und um 4,94 Punkte im CASI-Test. Weitere Faktoren neben der Vitaminversorgung, die die Denkleistung unterschiedlich beeinflussen könnten, könnten das jeweilige Alter oder Geschlecht der Patienten, der Ausbildungsgrad, Bluthochdruck, eine Diabeteserkrankung oder ein früherer Schlaganfall sein. Die Forscher glichen die Ergebnisse rechnerisch mit Blick auf solche alternativen Erklärungen an, versuchten also, diese Faktoren herauszurechnen, um den Beitrag von Vitamin B12 allein betrachten zu können. Selbst danach schien der Vitamin B12-Wert messbar ein Faktor bei der Geschwindigkeit des Abbaus der Denkleistung zu sein.

Vitaminmangel geht Hand-in-Hand mit schnellerem Abbau der Denkleistung

Zusammenfassend fand die Studie, dass die Unterversorgung mit Vitamin B12 auch während einer Alzheimerbehandlung mit Cholinesterase-Hemmern wesentlich zum Abbau der Denkleistung beitrug. Weitere Studien sollten nun untersuchen, ob die Nahrungsergänzung mit Vitamin B12 dem schnelleren Abbau der Denkleistung gegenwirken kann und welche Patienten von einer ergänzenden Behandlung mit Vitamin B12 besonders profitieren könnten. Auch Patienten mit leichteren Gedächtniseinbußen könnten diese Studie zum Anlass nehmen, ihre Vitaminversorgung einmal vom Hausarzt überprüfen zu lassen. dgp

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